KI und Entscheidungsprobleme im Unternehmen: Warum es selten an der Technologie liegt

KI und Entscheidungsprobleme im Unternehmen hängen für Günter Blickhan enger zusammen, als es die aktuelle Technologiedebatte vermuten lässt. Günter Blickhan beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Datentechnik, Datenschutz, Qualitätsmanagement und Digitalisierung und hat mit dem Konzept Xlink einen eigenen Ordnungsraum für Crossover-Dialoge zwischen Fachdisziplinen entwickelt. Im schriftlichen Interview mit regionalupdate-Herausgeber Jörg Maire erklärt er, warum viele teure Fehlentscheidungen weniger an fehlendem Fachwissen als an fehlenden Perspektiven scheitern, weshalb Digitalisierungsprojekte oft an der falschen Reihenfolge von Technik und Prozess scheitern, und welche Erwartungen an Künstliche Intelligenz er für unrealistisch hält. Seine Antworten richten sich an Geschäftsführer, die verstehen wollen, warum der eigentliche Engpass ihres Unternehmens selten die verfügbare Technologie ist, sondern die Qualität der Entscheidungen, die daraus abgeleitet werden.

Zur Person

Günter Blickhan beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Datentechnik, Datenschutz, Qualitätsmanagement und Digitalisierung und bringt daraus eine fachübergreifende Perspektive auf Innovationsprozesse in Unternehmen mit. Mit dem von ihm entwickelten Konzept Xlink hat er einen Ordnungsraum geschaffen, in dem Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen nicht zufällig, sondern gezielt entlang konkreter Fragestellungen zusammengebracht werden, etwa ein Unternehmer mit einem Datenschützer oder ein Ingenieur mit einer Künstlerin. Sein zentrales Anliegen ist es, blinde Flecken in unternehmerischen Entscheidungen sichtbar zu machen, bevor sie zu teuren Fehlentscheidungen führen. Diese Perspektive stammt aus jahrzehntelanger Praxis in Digitalisierungs- und Innovationsprojekten, nicht aus rein theoretischer Betrachtung.

Warum Innovation selten aus einem einzigen Fachgebiet entsteht

Du schreibst, dass Innovationen selten innerhalb eines einzigen Fachgebiets entstehen. Warum fällt es Unternehmen trotzdem so schwer, unterschiedliche Perspektiven frühzeitig an einen Tisch zu bringen?

Unternehmen seien historisch in Zuständigkeiten organisiert, erklärt Günter Blickhan: Einkauf optimiert Einkauf, IT optimiert IT, Produktion optimiert Produktion und Vertrieb optimiert Vertrieb. Für das Tagesgeschäft sei das sinnvoll, für Innovation aber oft hinderlich, da die entscheidenden Fragen heute meist zwischen den Fachgebieten liegen, wo sich häufig niemand verantwortlich fühle. In vielen Projekten habe er erlebt, dass nicht mangelndes Fachwissen das Problem war, sondern dass die relevanten Personen erst zusammenkamen, nachdem bereits wesentliche Entscheidungen getroffen worden waren. Dann werde diskutiert, wer Recht hatte, statt gemeinsam zu überlegen, was richtig ist.

Innovation entstehe deshalb selten durch mehr Spezialwissen, sondern dann, wenn unterschiedliche Erfahrungen früh genug aufeinandertreffen. Diese Beobachtung stellt eine verbreitete Annahme infrage, wonach Innovationsprobleme in erster Linie durch zusätzliches Fachwissen oder externe Beratung gelöst werden könnten. Wenn das eigentliche Problem in der zu späten Einbindung relevanter Perspektiven liegt, hilft zusätzliches Spezialwissen innerhalb der bestehenden Silostruktur wenig, solange die strukturelle Trennung der Fachbereiche bestehen bleibt.

Typische Fehler bei Digitalisierungsprojekten

Viele Digitalisierungsprojekte scheitern trotz guter Technik. Welche typischen Denk- oder Kommunikationsfehler beobachtest du dabei immer wieder, und was wäre der bessere Weg?

Der häufigste Fehler laute, zuerst nach der technischen Lösung zu suchen und erst danach nach dem eigentlichen Problem, so Blickhan. Digitalisierung werde häufig als IT-Projekt verstanden, sei tatsächlich aber fast immer ein Veränderungsprojekt. Wenn Menschen nicht verstehen, warum etwas verändert wird, entstünden Widerstände. Wenn Prozesse ungeklärt seien, digitalisiere man lediglich bestehende Schwächen.

Deshalb beginne er fast nie mit der Frage, welche Software benötigt werde. Stattdessen frage er zuerst, welcher Geschäftsprozess künftig besser werden soll, wer daran beteiligt sein muss und welche Informationen heute fehlen. Erst danach lohne sich die Auswahl der Technik. Für Geschäftsführer bedeutet dieser Perspektivwechsel, dass ein Digitalisierungsprojekt nicht mit einer Ausschreibung für Software beginnen sollte, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme der betroffenen Prozesse und der Menschen, die davon betroffen sind.

Xlink und Crossover-Dialoge: ein Ordnungsraum für bessere Entscheidungen

Du hast den Begriff Xlink und die Idee der Crossover-Dialoge entwickelt. Was verbirgt sich dahinter, und welchen konkreten Nutzen haben Geschäftsführer davon?

Xlink ist für Günter Blickhan kein Netzwerk und keine klassische Community, sondern ein Ordnungsraum für bessere Entscheidungen in und außerhalb von Unternehmen. Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen treffen dort nicht zufällig aufeinander, sondern entlang konkreter Fragestellungen: Ein Unternehmer spricht mit einem Datenschützer, ein Ingenieur mit einer Künstlerin, ein Personalverantwortlicher mit einem KI-Experten oder ein Mittelständler mit einer Hochschule, nicht weil ihre Berufe zusammengehören, sondern weil ihre Perspektiven gemeinsam bessere Lösungen ermöglichen.

Der konkrete Nutzen für Geschäftsführer bestehe darin, blinde Flecken früher zu erkennen. Viele teure Fehlentscheidungen entstünden nicht durch fehlendes Wissen, sondern weil wichtige Sichtweisen gar nicht erst berücksichtigt wurden. Dieser Ansatz unterscheidet sich von klassischen Netzwerkformaten dadurch, dass die Zusammenkunft nicht auf Branchenzugehörigkeit oder beruflicher Nähe beruht, sondern gezielt auf der Frage, wessen Perspektive für ein konkretes Problem fehlt.

KI und Entscheidungsprobleme im Unternehmen: realistische Erwartungen an Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz wird aktuell als Lösung für viele Herausforderungen gesehen. Welche Erwartungen an KI hältst du für unrealistisch, und wo kann sie Unternehmen tatsächlich einen echten Mehrwert bieten?

KI werde weder schlechte Führung ersetzen noch Verantwortung übernehmen, stellt Blickhan klar. Sie entscheide auch nicht, welche Ziele ein Unternehmen verfolgen sollte, diese Verantwortung bleibe beim Menschen. Ihr eigentlicher Mehrwert liege darin, Informationen schneller zugänglich zu machen, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Routinetätigkeiten zu automatisieren und neue Perspektiven vorzuschlagen.

„KI ist deshalb für mich kein Ersatz menschlicher Kompetenz, sondern ein Verstärker menschlicher Entscheidungsfähigkeit.“ (Günter Blickhan)

Er selbst nutze KI intensiv, allerdings nicht, damit sie für ihn entscheidet, sondern damit er bessere Fragen stellen und fundiertere Entscheidungen treffen könne. Diese Unterscheidung zwischen KI als Entscheidungsersatz und KI als Entscheidungsverstärker markiert für Unternehmen einen wichtigen strategischen Unterschied: Wer KI einführt, um Entscheidungen zu delegieren, gerät nach dieser Logik in eine andere Risikokategorie als ein Unternehmen, das KI nutzt, um die Grundlage menschlicher Entscheidungen zu verbessern.

Der eigentliche Engpass ist nicht mehr der Zugang zu Wissen

Du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit Datentechnik, Datenschutz, Qualität und Digitalisierung. Welche Entwicklung hat dich in dieser Zeit am meisten überrascht oder zum Umdenken gebracht?

Ihn überrasche immer wieder, dass technische Probleme häufig lösbar seien, menschliche Verständigungsprobleme jedoch deutlich hartnäckiger blieben, so Blickhan. Vor vierzig Jahren sei es vor allem darum gegangen, Informationen überhaupt verfügbar zu machen. Heute verfüge man über nahezu unbegrenzte Informationen. Der eigentliche Engpass sei deshalb nicht mehr der Zugang zu Wissen, sondern die Fähigkeit, gemeinsam daraus gute Entscheidungen abzuleiten. Deshalb beschäftige ihn heute weniger die Technik als die Qualität von Dialogen.

Diese Verschiebung erklärt auch, warum viele Unternehmen trotz umfangreicher Investitionen in Datenanalyse und KI-Systeme keine spürbar besseren Entscheidungen treffen: Die zusätzlichen Informationen verbessern die Entscheidungsgrundlage nur, wenn gleichzeitig die Fähigkeit vorhanden ist, diese Informationen fachübergreifend zu interpretieren und zu diskutieren. Ohne diese Dialogfähigkeit bleibt selbst die beste Datenlage weitgehend wirkungslos.

Der wichtigste Rat: in bessere Entscheidungen statt in Technologie investieren

Wenn du einem Geschäftsführer nur einen einzigen Rat geben dürftest, damit Digitalisierung, KI und Zusammenarbeit langfristig erfolgreicher werden, welcher wäre das, und warum?

Sein wichtigster Rat lautet, nicht zuerst in neue Technologien zu investieren, sondern zuerst in bessere Entscheidungen. Geschäftsführer sollten sich bei jeder wichtigen Veränderung fragen, ob wirklich alle relevanten Perspektiven einbezogen wurden. Könne diese Frage ehrlich mit Ja beantwortet werden, werde die Auswahl der richtigen Technologie oft deutlich einfacher.

Unternehmen würden in Zukunft nicht dadurch erfolgreicher, dass sie möglichst viel KI einsetzen, sondern wenn die jeweiligen Stärken von Menschen und KI sinnvoll miteinander verbunden würden. Zukunft entstehe nicht durch Technologie allein, sondern dort, wo Menschen bereit seien, über Fachgrenzen hinweg gemeinsam bessere Entscheidungen zu treffen. Wer KI und Entscheidungsprobleme im Unternehmen auf diese Weise zusammen denkt, verschiebt den Fokus von der Technologieauswahl auf die eigentliche Entscheidungsqualität.

Warum Perspektiven, Entscheidungen und Prozesse einander bedingen

Wichtig ist Günter Blickhan dabei eine Klarstellung: Der Rat, zuerst in bessere Entscheidungen statt in Technologie zu investieren, ist nicht als Gegensatz zwischen Prozessen und Entscheidungen zu verstehen. Er beschreibt Unternehmen als Regelkreise, in denen gute Ergebnisse aus dem Zusammenspiel von Perspektiven, Entscheidungen, Prozessen und Rückkopplung entstehen. Gute Prozesse brauchen die richtigen Entscheidungen, und gute Entscheidungen entstehen wiederum nur, wenn die richtigen Perspektiven zur richtigen Zeit zusammenkommen. Es geht ihm also nicht darum, Prozesse gegen Entscheidungen auszuspielen, sondern darum, diesen gesamten Regelkreis aus Perspektiven, Entscheidungen, Prozessen und Rückkopplung im Blick zu behalten.

Was Geschäftsführer aus dem Xlink-Ansatz für das eigene Unternehmen lernen können

Auch ohne an einem konkreten Xlink-Format teilzunehmen, lässt sich das dahinterliegende Prinzip auf die interne Organisation eines Unternehmens übertragen. Statt Innovationsprojekte ausschließlich innerhalb einer Fachabteilung zu planen, empfiehlt es sich, bereits in der Konzeptphase gezielt Personen mit einer erkennbar anderen Perspektive einzubeziehen, etwa jemanden aus dem Kundenservice bei einer technischen Produktentscheidung oder jemanden aus dem Datenschutz bei der Einführung eines neuen KI-Tools. Entscheidend ist dabei weniger die formale Zugehörigkeit zu einer Abteilung als die Frage, wessen Sichtweise für die konkrete Entscheidung bislang fehlt.

In der Praxis lässt sich dieser Gedanke mit überschaubarem organisatorischem Aufwand umsetzen, etwa durch eine feste Regel, dass wichtige Digitalisierungs- oder KI-Entscheidungen erst dann final getroffen werden, wenn mindestens eine fachfremde Person die Gelegenheit hatte, kritische Rückfragen zu stellen. Diese Regel wirkt zunächst wie ein zusätzlicher Verfahrensschritt, verhindert aber häufig genau jene teuren Fehlentscheidungen, die laut Blickhan entstehen, wenn relevante Perspektiven erst nach der eigentlichen Entscheidung einbezogen werden.

Warum KI-Governance ohne Dialogfähigkeit ins Leere läuft

Viele Unternehmen reagieren auf die wachsende Bedeutung von KI mit formalen Governance-Strukturen, etwa Richtlinien, Freigabeprozessen oder Verantwortlichkeiten für den KI-Einsatz. Diese Strukturen sind wichtig, lösen aber nach Blickhans Argumentation das eigentliche Problem nicht allein, wenn die zugrunde liegende Fähigkeit fehlt, unterschiedliche fachliche Perspektiven im Entscheidungsprozess tatsächlich zusammenzubringen. Eine KI-Richtlinie, die ausschließlich von der IT-Abteilung formuliert wird, ohne Rückfragen aus Fachbereichen, Datenschutz oder Personalabteilung einzubeziehen, läuft Gefahr, an der praktischen Realität der Anwender vorbeizugehen.

Für Geschäftsführer bedeutet das, KI-Governance nicht allein als technisches oder juristisches Dokumentationsprojekt zu behandeln, sondern als Gelegenheit, genau jene Crossover-Dialoge zu institutionalisieren, die Blickhan als entscheidenden Erfolgsfaktor beschreibt. Eine Richtlinie, die im Dialog zwischen den betroffenen Fachbereichen entsteht, wird in der Praxis eher gelebt als eine Richtlinie, die nachträglich verkündet wird.

Checkliste: Perspektiven vor Technologie prüfen

PrüffrageWarum sie wichtig ist (nach Günter Blickhan)
Welcher Prozess soll besser werden, bevor über Software gesprochen wird?Verhindert, dass Technik bestehende Schwächen lediglich digitalisiert
Wer muss an der Entscheidung beteiligt sein?Reduziert das Risiko, relevante Perspektiven erst nach der Entscheidung einzubeziehen
Welche Informationen fehlen heute noch?Schafft die Grundlage für eine fundierte statt vorschnelle Technologieauswahl
Wurden wirklich alle relevanten Perspektiven einbezogen?Zentrale Prüffrage vor jeder wichtigen unternehmerischen Veränderung

FAQ

Warum scheitern laut Günter Blickhan viele Innovationsprojekte trotz vorhandenem Fachwissen?
Weil relevante Perspektiven oft erst eingebunden werden, nachdem wesentliche Entscheidungen bereits getroffen wurden, statt frühzeitig unterschiedliche Erfahrungen zusammenzubringen.

Was ist der häufigste Fehler bei Digitalisierungsprojekten?
Zuerst nach der technischen Lösung zu suchen und erst danach nach dem eigentlichen Problem, obwohl Digitalisierung meist ein Veränderungsprojekt statt eines reinen IT-Projekts ist.

Was bedeutet das Konzept Xlink von Günter Blickhan?
Ein Ordnungsraum, in dem Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen gezielt entlang konkreter Fragestellungen zusammengebracht werden, um blinde Flecken in Entscheidungen früher zu erkennen.

Kann Künstliche Intelligenz unternehmerische Entscheidungen ersetzen?
Nein, laut Blickhan ersetzt KI weder Führung noch Verantwortung, sondern verstärkt die menschliche Entscheidungsfähigkeit durch schnelleren Informationszugang und sichtbar gemachte Zusammenhänge.

Was ist heute der eigentliche Engpass für gute Unternehmensentscheidungen?
Nicht mehr der Zugang zu Informationen, sondern die Fähigkeit, gemeinsam über Fachgrenzen hinweg daraus gute Entscheidungen abzuleiten.

Welchen Rat gibt Günter Blickhan Geschäftsführern zuerst?
Nicht zuerst in neue Technologien zu investieren, sondern zu prüfen, ob bei wichtigen Entscheidungen wirklich alle relevanten Perspektiven einbezogen wurden.

Günter Blickhan

Günter Blickhan beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Datentechnik, Datenschutz, Qualitätsmanagement und Digitalisierung und hat mit dem Konzept Xlink einen Ordnungsraum für fachübergreifende Crossover-Dialoge entwickelt.

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