High Power Charging als Designaufgabe: Wie BMW Designworks das Laden neu denkt

High Power Charging gilt vielen Unternehmen noch als reine Technikfrage. Der neue High Power Charging Ladepark vor der BMW Welt in München zeigt einen anderen Ansatz: Gestaltung, Nutzerführung und Nachhaltigkeit werden von Anfang an mitgedacht. Im Interview erklärt Tobias Adami, Kreativdirektor des Münchner Studios von Designworks (einer BMW Group Tochter, die für viele Industrien tätig ist), welche Überlegungen hinter dem Projekt stehen und was Entscheider im Mittelstand daraus für eigene Innovationsvorhaben mitnehmen können.

Ladeort als Ort des Verweilens

Für den BMW High Power Ladepark vor der BMW Welt wollte das Team einen Ort schaffen, der freundlich und einladend wirkt. Elektromobilität stellt eine innovative, emissionsfreie Alternative zur Verbrennertechnologie dar, entsprechend sollte sich auch der Ort und das Erlebnis des Ladens von herkömmlichen Tankstellen deutlich unterscheiden. Das beginnt bei der parkähnlichen Landschaft, in die sich der Ladepark harmonisch integriert, einer kleinen Oase im Stadtraum, die den nachhaltigen Aspekt des elektrischen Ladens visuell unterstreicht.

Um diese parkähnliche Fläche zu schaffen, wurden vormals versiegelte Bodenflächen geöffnet und so neue Sickerflächen geschaffen, die auch das städtische Abwassersystem entlasten. Die Kiesschüttungen und Terrazzoflächen bestehen aus lokalem Material, verwendet wurden Steine aus der Isar. Die bei Hochvoltanlagen und Ladevorgängen entstehende Wärme wird zum Kühlen unter die Ladebuchten abgeleitet und in den Wintermonaten genutzt, um die Flächen schnee und eisfrei zu halten.

Ursprung der Charging Trees

Wie der Name bereits andeutet, sind die Charging Trees von Bäumen inspiriert. Sie bilden eine gut sichtbare Landmarke, einen Ort, der zum kurzen Verweilen einlädt und an dem man neue Energie tankt.

Die Ladeinfrastruktur wurde bewusst unter die Erde verlegt. Die Energie fließt, ähnlich wie bei einem Baum, durch das Erdreich nach oben. Die Charging Trees stellen damit nicht nur einen semantischen Bezug zur Natur her, sondern greifen auch die Formensprache von BMW und der Neuen Klasse auf. Wichtig war zu zeigen, dass Ladepunkte nicht als elektrische Zapfsäulen verstanden werden, sondern als Teil eines Ortes, an dem Architektur, Technologie und Aufenthaltsqualität zusammenkommen.

Lichtkonzept begleitet den Ladevorgang

Ziel war es, den Ladevorgang in ein orchestriertes Erlebnis einzubetten, vom Einfahren in die Ladebucht bis zum Verlassen des Ladeparks. Das Lichtkonzept begleitet den Nutzer dabei durch den gesamten Prozess, gibt Orientierung und vermittelt jederzeit den aktuellen Ladestatus.

Genau wie das Fahrzeug und die App den Ladeprozess über Farben und Animationen kommunizieren, übernimmt auch der Ladepark diese Sprache. Dach und Screen begleiten den Nutzer mit verschiedenen Lichtszenarien, heißen ihn willkommen, bestätigen den erfolgreichen Anschluss des Ladekabels, visualisieren den Ladefortschritt und verabschieden ihn am Ende des Ladevorgangs. So entsteht ein nahtloses Zusammenspiel aus Fahrzeug, digitaler Oberfläche und Architektur, das dem Nutzer jederzeit eine klare und intuitive Rückmeldung gibt.

Einbindung in das Umfeld

Zentral gelegen, befindet sich der Ladepark zwischen der BMW Welt, dem BMW Werk und dem Hauptsitz der BMW Group mit dem angeschlossenen BMW Museum. Da der Park zugleich an einer vielbefahrenen Ein und Ausfallstraße Münchens liegt, war es wichtig, dass sich der Ort im Kontrast zum geräuschvollen und verkehrsintensiven Umfeld luftig, leicht und naturbezogen präsentiert und gleichzeitig ein verbindendes Element zu den Gebäuden der BMW Group schafft.

Die Ladenstraße mäandert durch die vom geschützten Baumbestand begrenzte Fläche und bietet fünf Ladebuchten, die von jedem gängigen Fahrzeug bequem angefahren werden können. Über Form, Materialien und Farbgebung wurden bewusst Bezüge zu den ikonischen Architekturen rund um den Ladepark geschaffen. Auch das nahegelegene Olympische Dorf sowie das Olympiagelände dienten als Inspiration, insbesondere bei der Materialauswahl.

Technische Herausforderungen der Umsetzung

Bei der Umsetzung der bis zu 400 kW starken Ladepunkte galt es zunächst, acht Ladepunkte, fünf davon entlang einer gemeinsamen Fahrstraße, auf einer begrenzten Fläche unterzubringen und dabei den bestehenden Baumbestand vollständig zu integrieren. Gleichzeitig musste sichergestellt werden, dass sich die Nutzer verkehrstechnisch sicher durch den Ladepark bewegen können, was einen intensiven Austausch mit verschiedenen Behörden erforderte.

Hinzu kam die technische Komplexität: Nur wenige Meter unter dem Gelände verläuft eine U Bahn Linie, entsprechend mussten Fundamente, Technikschächte sowie Energie und Kommunikationsleitungen mit großer Sorgfalt geplant werden. Ziel war es, den Ladepark pünktlich zur IAA 2025 und zur Markteinführung der Neuen Klasse zu eröffnen.

Ausblick auf künftige Trends

Die Vision besteht darin, Ladestationen in Orte zu verwandeln, an denen Menschen gerne Zeit verbringen. Darin steckt aus Sicht von Designworks ein großes Potenzial, das städtische Umfeld lebenswerter zu gestalten. Das Konzept des Ladeparks vor der BMW Welt ist leicht zugänglich, selbsterklärend, flexibel und modular angelegt und lässt sich durch Skalierung und Iteration im Design auf verschiedene Standorte und Markenwelten übertragen.

Ladeinfrastruktur entwickelt sich damit von einem rein funktionalen Ort zu einem ganzheitlich gestalteten Mobilitätserlebnis. Architektur, Landschaft, digitale Interaktion und Markenidentität werden künftig stärker zusammengedacht. Der BMW High Power Charging Ladepark verbindet nachhaltige Architektur, intuitive Nutzerführung und digitale Erlebnisse zu einem Gesamtkonzept, das den Ladevorgang neu interpretiert.

Fotos: Designworks; das Interview führte Jörg Maire