Sie kommt nicht aus der Informatik. Und genau das macht Evgeniya Abdieva so wirkungsvoll. Die Bildungswissenschaftlerin und KI-Managerin aus Schwäbisch Gmünd hat sich auf ein Ziel spezialisiert: künstliche Intelligenz für alle zugänglich zu machen. Nicht für IT-Abteilungen, nicht für Tech-Konzerne, sondern für Lehrkräfte, Verwaltungsmitarbeitende, kleine Unternehmen und Menschen, die noch nie einen Chatbot geöffnet haben.
Im Interview spricht sie über Berührungsängste, Praxisbeispiele aus dem Bildungsbereich und warum Unternehmen besser heute als morgen anfangen sollten.
„Ich hatte einen Bienenstock im Kopf“
Frau Abdieva, Sie sind als KI-Managerin auf die praxisnahe Vermittlung von KI-Kompetenzen spezialisiert. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
Ich komme aus der Bildungs- und Integrationsarbeit. Dort habe ich täglich erlebt, wie unterschiedlich Menschen lernen und wie viel Zeit Lehrkräfte und Beraterinnen für organisatorische Aufgaben aufwenden. Ich selbst hatte oft das Gefühl, einen ganzen Bienenstock im Kopf zu haben: unzählige Ideen, Projekte und Aufgaben gleichzeitig. Ich hätte mir damals eine Assistenz gewünscht, die sortiert, strukturiert und mitdenkt.
Als ich während meiner Elternzeit KI entdeckte, hatte ich genau dieses Gefühl: Das ist die Assistenz, die ich mir immer gewünscht habe, aber nie hätte leisten können. Also habe ich mich zur KI-Managerin weitergebildet. Heute verbinde ich pädagogische Erfahrung mit KI und zeige, wie die Technologie verständlich, datenschutzbewusst und praxisnah eingesetzt werden kann.
Die größte Hürde ist selten die Technik
Viele mittelständische Unternehmen tun sich mit der Einführung von KI noch schwer. Wo liegen aus Ihrer Erfahrung die größten Hürden?
Die größte Hürde ist selten die Technik. Viel häufiger begegnen mir Unsicherheit, fehlendes Wissen und die Sorge, Fehler zu machen oder durch KI ersetzt zu werden. Viele Unternehmen wissen, dass KI wichtig ist, aber nicht, womit sie beginnen sollen.
Deshalb empfehle ich, nicht mit der Technologie zu starten, sondern mit einer einfachen Frage: Welche Aufgabe kostet uns heute viel Zeit? Von dort aus lassen sich passende Lösungen entwickeln, die auch die kritischsten Mitarbeitenden überzeugen können. Nicht jede Person muss täglich mit KI arbeiten. Viel wichtiger ist, dass alle die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Technologie kennen.
Werbeplakate in Minuten statt in Tagen
Sie setzen KI unter anderem im Bildungs- und Integrationsbereich ein. Welche konkreten Anwendungsfälle haben sich bewährt?
Als freiberufliche Dozentin und Coach nutze ich KI unter anderem zur Erstellung individueller Lernmaterialien und Lernpläne, für Sprachförderung, Rollenspiele, Feedback und zur Vorbereitung des Unterrichts.
Besonders spannend sind Anwendungen, bei denen Lernende sofort Rückmeldungen erhalten oder Lehrkräfte Routineaufgaben automatisieren können. Dadurch bleibt mehr Zeit für das, was Menschen besonders gut können: persönliche Begleitung, individuelle Betreuung und Motivation.
Ein konkretes Beispiel aus meinem KI-Club, den ich bei der Kolping Berufsbildung gGmbH gegründet habe: Durch die monatlichen Treffen haben Kolleginnen aus der Verwaltung gelernt, mit KI innerhalb weniger Minuten professionelle Werbeplakate für Integrations- und Berufssprachkurse zu erstellen. Früher dauerte das deutlich länger oder musste extern umgesetzt werden. Das Ergebnis zeigt sich in der Praxis: Unsere Kurse sind gut ausgelastet, obwohl viele Bildungsträger derzeit Schwierigkeiten haben, ihre Kurse zu füllen.
Zuletzt habe ich außerdem einen KI-Escape-Room entwickelt, bei dem Teilnehmende Rätsel mit KI-Unterstützung lösen. Das Konzept verbindet spielerisches Lernen mit dem praktischen Einsatz der Technologie. Ausprobieren statt nur darüber reden.
Aus Unsicherheit wird Neugier
Wie gehen Sie in Ihren Workshops vor, um auch Menschen ohne Vorkenntnisse den Einstieg zu erleichtern?
Mir ist wichtig, dass niemand einen Workshop mit dem Gefühl verlässt, KI sei kompliziert oder nur etwas für IT-Experten. Deshalb beginnen wir immer mit den Aufgaben, die die Teilnehmenden aus ihrem eigenen Arbeitsalltag mitbringen.
Ich zeige zunächst, wie ich KI selbst täglich nutze, mit allen Erfolgen, aber auch mit den Fehlern, die ich gemacht habe. Niemand muss perfekt starten. Anschließend probieren die Teilnehmenden die Werkzeuge direkt selbst aus. Schon nach kurzer Zeit entstehen erste Erfolgserlebnisse, und genau in diesem Moment verschwindet bei vielen die anfängliche Skepsis. Aus Unsicherheit wird Neugier.
Nicht perfekt anfangen, sondern einfach anfangen
Welchen Rat würden Sie mittelständischen Unternehmen geben, die erste Schritte mit KI gehen wollen?
Nicht perfekt anfangen, sondern einfach anfangen. Ein gut ausgewählter Anwendungsfall mit einem motivierten Team bringt oft mehr als ein groß angelegtes KI-Projekt. Gleichzeitig sollten Mitarbeitende früh eingebunden und geschult werden. KI funktioniert nur dann, wenn die Menschen sie verstehen und akzeptieren.
KI ist ein Werkzeug. Die Technologie entscheidet nicht über ihren Einsatz, die Verantwortung trägt immer der Mensch.
KI wird so selbstverständlich wie E-Mail
Wo sehen Sie die Entwicklung von KI in Weiterbildung und Mittelstand in den nächsten Jahren?
KI wird in den nächsten Jahren so selbstverständlich werden wie heute E-Mail oder Suchmaschinen. Unternehmen, die früh Kompetenzen aufbauen, werden flexibler und wettbewerbsfähiger sein.
In der Weiterbildung wird Individualisierung eine immer größere Rolle spielen. KI kann Lernangebote an den Wissensstand und das Lerntempo einzelner Menschen anpassen. Gleichzeitig werden Kompetenzen wie kritisches Denken, Medienkompetenz und der verantwortungsvolle Umgang mit KI immer wichtiger.
Zur Person
Evgeniya Abdieva ist Bildungswissenschaftlerin und KI-Managerin aus Schwäbisch Gmünd. Sie arbeitet als freiberufliche Dozentin und Coach und ist Gründerin des KI-Clubs bei der Kolping Berufsbildung gGmbH. Ihr Fokus liegt auf der praxisnahen Vermittlung von KI-Kompetenzen für Menschen ohne Vorkenntnisse. Ihr Motto: KI für alle.




