Ivo Dähler hat einen Malerbetrieb im Berner Oberland von rund 15 auf über 40 Mitarbeitende gewachsen und ist heute zusätzlich als Investor an anderen Unternehmen und Start-ups beteiligt. Sein Weg zeigt exemplarisch, was unternehmerisches Denken im Handwerk in der Praxis bedeutet: nicht länger nur die eigene Zeit gegen Geld zu tauschen, sondern Strukturen, Verantwortung und Sichtbarkeit systematisch und Schritt für Schritt aufzubauen. Im Interview erklärt er, welcher Moment für ihn den Unterschied zwischen Selbstständigkeit und Unternehmertum markierte, was Handwerksbetriebe von Start-ups lernen können und welchen Rat er Unternehmern gibt, die vom Ausführenden zum Unternehmer werden wollen.
Ivo Dähler lebt und arbeitet im Berner Oberland, wo er seinen Malerbetrieb von rund 15 auf über 40 Mitarbeitende aufgebaut hat. Neben der Führung dieses Betriebs engagiert er sich heute zusätzlich als Investor mit Beteiligungen an anderen Unternehmen und Start-ups, sein Schwerpunkt liegt entsprechend auf unternehmerischem Wachstum im Handwerk und auf unternehmerischen Beteiligungen außerhalb der eigenen Branche.
Warum unternehmerisches Denken im Handwerk zur Überlebensfrage wird
Was Dähler aus eigener Erfahrung schildert, deckt sich mit einer Entwicklung, die viele Handwerksbetriebe im deutschsprachigen Raum derzeit spüren. Der Fachkräftemangel macht es zunehmend schwerer, offene Stellen zu besetzen, gleichzeitig steht bei vielen inhabergeführten Betrieben in den kommenden Jahren die Nachfolge an. Wer als Inhaber sämtliche Entscheidungen, Kundenkontakte und Fachfragen ausschließlich selbst trägt, macht seinen Betrieb damit schwer übertragbar und für potenzielle Nachfolger wenig attraktiv. Unternehmerisches Denken im Handwerk, verstanden als der bewusste Aufbau von Strukturen, Prozessen und Verantwortung jenseits der eigenen Person, wird unter diesen Bedingungen weniger zur Kür als zur Voraussetzung für langfristigen Fortbestand.
Hinzu kommt der Wettbewerbsdruck durch digitale Vergleichsplattformen und veränderte Erwartungen an Reaktionszeit und Kommunikation. Kunden vergleichen Handwerksbetriebe heute häufig online, bevor sie überhaupt Kontakt aufnehmen. Betriebe, die ausschließlich über Mundpropaganda und Stammkundschaft arbeiten, geraten dadurch zunehmend ins Hintertreffen gegenüber Wettbewerbern, die ihre Sichtbarkeit und Prozesse aktiv gestalten, genau das Muster, das Dähler in seinem eigenen Betrieb durchlaufen hat, lange bevor er selbst zum Investor wurde.
| Merkmal | Ausführender Handwerksbetrieb | Unternehmerisch denkender Handwerksbetrieb |
|---|---|---|
| Verantwortung | Konzentriert sich beim Inhaber | Bewusst auf Mitarbeitende verteilt |
| Fokus | Tagesgeschäft und Auftragsabwicklung | Struktur, Prozesse und Zukunftsfähigkeit |
| Sichtbarkeit | Mundpropaganda und Stammkundschaft | Aktives Branding und klare Positionierung |
| Wachstum | An die eigene Kapazität gebunden | Über Struktur und Delegation skalierbar |
| Fehlerkultur | Fehler werden möglichst vermieden | Fehler werden als Lernchance zugelassen |
Vom Malerbetrieb zum Investor: Der entscheidende Wendepunkt
Dähler beschreibt den Übergang vom Selbstständigen zum Unternehmer als schrittweisen, aber klaren Prozess. „Mir wurde relativ früh klar, dass Skalierung schwierig wird, solange ich ausschließlich meine eigene Zeit gegen Geld tausche“, sagt er rückblickend. Als Selbstständiger könne man durchaus erfolgreich sein, das Wachstum bleibe dabei aber stark an die eigene Person gebunden. Er habe deshalb einen Betrieb aufbauen wollen, der nicht ausschließlich davon abhängt, dass er selbst jeden Tag operativ überall eingreift. Der entscheidende Schritt sei gewesen, Verantwortung abzugeben, Strukturen aufzubauen und gezielt in Menschen, Prozesse und Sichtbarkeit zu investieren. Später kamen Beteiligungen und Investments in andere Unternehmen und Start-ups hinzu, was seinen Blick nach eigener Aussage nochmals verändert hat: „Ich habe begonnen, stärker in Systemen, Geschäftsmodellen und Hebeln zu denken, und weniger nur in einzelnen Aufträgen.“
Warum reines Tagesgeschäft im Handwerk heute nicht mehr reicht
Für Dähler ist unternehmerisches Denken im Handwerk kein optionales Extra, sondern zunehmend Voraussetzung für langfristigen Erfolg. Natürlich müsse das Tagesgeschäft funktionieren, Aufträge sauber ausgeführt, Mitarbeitende geführt und Kunden zufriedengestellt werden. „Aber wer nur auf das reagiert, was heute auf dem Tisch liegt, gestaltet die Zukunft seines Betriebs nicht aktiv mit“, warnt er. Auch im Handwerk veränderten Digitalisierung, Automatisierung und neue Kundenerwartungen den Markt spürbar. Kunden wollten heute schnell Informationen, einfache Abläufe, verlässliche Kommunikation und häufig auch digitale Kontaktmöglichkeiten. Es werde immer Betriebe geben, die vorausschauend denken und sich fragen, was der Kunde wirklich will, wo man ihn erreicht, wie sich Prozesse vereinfachen lassen und wie ein Erlebnis entsteht, das über die reine handwerkliche Leistung hinausgeht. „Genau dort entsteht langfristig der Unterschied“, so Dähler.
Unternehmerisches Denken im Handwerk versus klassische Meister-Mentalität
Die klassische Meister- und Betriebsführer-Mentalität konzentriere sich häufig stark auf Fachwissen, Qualität und saubere Ausführung, erklärt Dähler, das bleibe die wichtige Grundlage jedes guten Handwerksbetriebs. Unternehmerisches Denken im Handwerk gehe für ihn jedoch weiter und stelle zusätzliche Fragen: Wie gewinnt man die richtigen Kunden? Wie bindet man sie langfristig? Wie schafft man klare Prozesse? Wo verliert der Betrieb unnötig Zeit? Welche Aufgaben können Mitarbeitende selbstständig übernehmen? Und wie baut man einen Betrieb auf, der nicht vollständig von einer einzelnen Person abhängig ist?
Ein guter Unternehmer im Handwerk denkt nicht nur darüber nach, wie die Arbeit ausgeführt wird, sondern auch darüber, wie der gesamte Betrieb funktioniert, wächst und sich im Markt positioniert.
Was Handwerksbetriebe von Start-ups lernen können, und umgekehrt
Innovation wird nach Dählers Beobachtung oft vorschnell nur mit Tech-Start-ups verbunden. Von ihnen könnten Handwerksunternehmen vor allem Agilität, Mut, Geschwindigkeit und einen besonderen Drive lernen. „In Start-ups erlebt man oft eine enorme Energie. Ideen werden schnell getestet, Wege werden hinterfragt, und wenn etwas nicht funktioniert, wird die Richtung angepasst“, beschreibt er. Diese Bereitschaft, Dinge auszuprobieren statt jahrelang auf die perfekte Lösung zu warten, fehle im traditionellen Handwerk mitunter.
Umgekehrt könnten Start-ups jedoch ebenso viel vom Handwerk lernen. Handwerksbetriebe seien häufig bodenständiger, konsistenter und näher an einem echten Kundenproblem. Sie redeten weniger über die große Vision und setzten mehr konkret um. Im Handwerk zähle am Ende, ob etwas funktioniert, ob der Kunde zufrieden ist und ob die Leistung sauber erbracht wurde. „Diese Umsetzungsstärke und Realitätsnähe ist eine große Stärke“, so Dähler. Die spannendste Kombination wäre für ihn deshalb der Drive und die Agilität eines Start-ups, verbunden mit der Verlässlichkeit und Konsequenz eines guten Handwerksbetriebs.
Wachstum von 15 auf über 40 Mitarbeitende: Die Entscheidung, die den Unterschied machte
Als besonders wichtige Entscheidung auf seinem eigenen Weg nennt Dähler, die Angst vor Wachstum nicht überhandnehmen zu lassen. Beim Wachstum von rund 15 auf über 40 Mitarbeitende sei jede neue Anstellung zunächst mit Unsicherheit verbunden gewesen: Reicht die Arbeit? Lässt sich die Person langfristig beschäftigen? Funktioniert die Organisation noch? „Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass viele dieser Sorgen größer waren als die tatsächlichen Probleme“, sagt er. Wachstum brauche zwar Struktur und Führung, aber ohne den Mut, frühzeitig in gute Menschen zu investieren, bleibe ein Betrieb oft auf einem gewissen Niveau stehen.
Als zweiten großen Hebel nennt Dähler das Marketing. Gute Arbeit allein reiche heute nicht mehr aus, niemand könne Qualität wahrnehmen, wenn der Betrieb nicht sichtbar sei. Ein starkes Branding und eine klare Positionierung helfen ihm zufolge sowohl bei der Kundengewinnung als auch bei der Rekrutierung von Mitarbeitenden. „Sichtbarkeit schafft Vertrauen, und Vertrauen schafft Wachstum“, bringt er es auf den Punkt.
Vom Ausführenden zum Unternehmer: Der Rat an Handwerksunternehmer
Wer spürt, dass sein Betrieb wachsen könnte, aber nicht weiß, wie er vom Ausführenden zum Unternehmer wird, sollte nach Dählers Einschätzung vor allem eines lernen: anderen Menschen zu vertrauen. Viele Inhaber glaubten, dass niemand eine Aufgabe so gut erledigen könne wie sie selbst, was am Anfang sogar stimmen möge. Kontrolliere, entscheide und erledige der Unternehmer aber weiterhin alles selbst, werde der Betrieb nie wirklich wachsen. Man müsse lernen, Verantwortung zu übertragen, klare Erwartungen zu formulieren und auch Fehler zuzulassen, denn Mitarbeitende könnten nur wachsen, wenn sie echte Verantwortung erhalten.
Diesen Vertrauensvorschuss beschreibt Dähler nicht als einmaligen Kraftakt, sondern als wiederkehrende Übung, die mit jeder neuen Verantwortungsübergabe leichter falle. Gleichzeitig empfiehlt er, den eigenen Betrieb bewusst von außen zu betrachten: Welche Aufgaben muss der Inhaber wirklich selbst erledigen? Welche Prozesse wiederholen sich ständig? Wo entstehen Engpässe? Und welche Rolle möchte man in drei oder fünf Jahren überhaupt noch selbst übernehmen? Der Wechsel vom Ausführenden zum Unternehmer geschehe nicht von heute auf morgen. Er beginne aber in dem Moment, in dem man nicht mehr nur fragt, wie man eine Aufgabe selbst erledigt, sondern wie man ein System baut, in dem diese Aufgabe zuverlässig erledigt wird, auch ohne einen selbst. „Unternehmertum bedeutet für mich nicht, sich aus allem zurückzuziehen. Es bedeutet, einen Betrieb aufzubauen, in dem Verantwortung verteilt ist und das Unternehmen nicht an einer einzigen Person hängt“, fasst Dähler zusammen.
Praktischer Fahrplan: Unternehmerisches Denken im Handwerk verankern
Aus Dählers eigenem Weg vom Malerbetrieb zum Investor lassen sich fünf konkrete Ansatzpunkte ableiten, mit denen Handwerksunternehmer unternehmerisches Denken im Handwerk systematisch in ihrem Betrieb verankern können:
- Regelmäßig prüfen, welche Aufgaben tatsächlich an die eigene Person gebunden sind, und diese schrittweise an Mitarbeitende übertragen.
- In Strukturen und Prozesse investieren, bevor sie zum Engpass werden, statt erst zu reagieren, wenn das Wachstum bereits stockt.
- Sichtbarkeit und Branding als gleichwertigen Erfolgsfaktor neben handwerklicher Qualität behandeln, nicht als nachrangiges Extra.
- Bewusst Zeit für die Betrachtung des eigenen Betriebs von außen einplanen, statt ausschließlich im Tagesgeschäft zu agieren.
- Impulse aus anderen Branchen, etwa von Start-ups, gezielt aufnehmen, ohne die eigenen handwerklichen Stärken wie Umsetzungskraft und Kundennähe aufzugeben.
- Erfolge und Fehlschläge regelmäßig im Team besprechen, statt Entscheidungen und ihre Begründung ausschließlich beim Inhaber zu belassen.
Keiner dieser Punkte ersetze laut Dähler die handwerkliche Qualität, die weiterhin das Fundament jedes erfolgreichen Betriebs bilde. Erst das Zusammenspiel aus solider Ausführung und unternehmerischer Herangehensweise mache jedoch aus einem gut laufenden Betrieb ein wachstumsfähiges Unternehmen.
Was Dählers Geschichte anderen Handwerksunternehmern mitgibt
Dählers Weg vom Malerbetrieb zum Investor zeigt, dass der Übergang selten an einer einzelnen spektakulären Entscheidung hängt, sondern an vielen kleinen, konsequent umgesetzten Schritten: einer Anstellung mehr, als man sich zunächst zutraut, einem Prozess, der einmal sauber dokumentiert wird, statt jedes Mal neu erklärt zu werden, einem Marketingbudget, das nicht erst investiert wird, wenn ohnehin schon genug Aufträge da sind. Für Betriebe, die sich in der Beschreibung der klassischen Meister-Mentalität wiedererkennen, lohnt sich deshalb ein ehrlicher Blick auf die eigene Betriebsstruktur: Welche Entscheidungen laufen aktuell ausschließlich über den Inhaber, und welche davon ließen sich mit klaren Regeln und etwas Vertrauensvorschuss schon heute an Mitarbeitende übergeben?
Ebenso lohnt sich ein nüchterner Blick auf die eigene Sichtbarkeit im Markt. Wer als Betrieb ausschließlich über Empfehlungen bestehender Kunden wächst, ist bei rückläufiger Auftragslage kaum in der Lage, gezielt gegenzusteuern. Wer dagegen frühzeitig in Positionierung und Kommunikation investiert, verschafft sich einen Puffer, der gerade in wirtschaftlich unsicheren Phasen den Unterschied zwischen Stillstand und weiterem Wachstum ausmachen kann, ein Muster, das sich durch Dählers gesamten unternehmerischen Werdegang zieht.

Häufige Fragen zum Thema Handwerk und Unternehmertum
Was unterscheidet unternehmerisches Denken im Handwerk von klassischer Meisterarbeit?
Klassische Meisterarbeit konzentriert sich vor allem auf Fachwissen und saubere Ausführung, während unternehmerisches Denken im Handwerk zusätzlich Fragen zu Kundengewinnung, Prozessen, Delegation und langfristiger Positionierung des Betriebs stellt.
Warum reicht reines Tagesgeschäft im Handwerk nicht mehr aus?
Weil Digitalisierung, veränderte Kundenerwartungen und neue Wettbewerber den Markt kontinuierlich verändern, sodass Betriebe, die nur reagieren, die eigene Zukunft nicht aktiv mitgestalten.
Was können Handwerksbetriebe konkret von Start-ups lernen?
Vor allem Agilität, Geschwindigkeit und die Bereitschaft, Ideen schnell zu testen und Richtungen anzupassen, statt lange auf die perfekte Lösung zu warten.
Wie gelingt der Übergang vom Ausführenden zum Unternehmer?
Indem Inhaber lernen, Verantwortung zu übertragen, klare Erwartungen zu formulieren, Fehler zuzulassen und den eigenen Betrieb regelmäßig von außen zu betrachten.
Welche Rolle spielt Sichtbarkeit für den Erfolg eines Handwerksbetriebs?
Eine sehr große: Ohne sichtbares Branding und klare Positionierung nehmen Kunden gute Arbeit häufig gar nicht erst wahr, was sowohl die Kundengewinnung als auch die Mitarbeitergewinnung erschwert.
Muss ein Handwerksbetrieb stark wachsen, um unternehmerisch zu denken?
Nein, auch kleinere Betriebe profitieren davon, Verantwortung zu verteilen und Prozesse zu dokumentieren. Wachstum ist dabei eine mögliche Folge, nicht zwingend das Ziel selbst.
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Wer den eigenen Betrieb ähnlich weiterentwickeln möchte, muss dabei nicht sofort in Beteiligungen an fremden Unternehmen einsteigen, wie Dähler es später getan hat. Entscheidend ist zunächst der kleinere, aber wirkungsvollere Schritt: eine Aufgabe bewusst abzugeben, einen Prozess einmal sauber aufzuschreiben oder ein erstes Budget für Sichtbarkeit einzuplanen, statt jede Investition erst dann zu tätigen, wenn der Erfolg schon garantiert scheint. Genau in diesen kleinen, wiederholbaren Schritten liegt nach Dählers Erfahrung der eigentliche Unterschied zwischen einem Betrieb, der von der eigenen Anwesenheit abhängt, und einem Unternehmen, das auch ohne den Inhaber am Schreibtisch zuverlässig funktioniert.









