Till Wollong über barrierefreie Software und Enterprise-UX

Barrierefreie Software: Warum gute UX im Mittelstand zum Wirtschaftsfaktor wird

Barrierefreie Software galt lange als Pflichtübung für Behörden. Inzwischen geht es um Haftung, Marktanteile und Fachkräfte. Neue EU-Regeln stufen Software als eigenständiges Produkt ein, gleichzeitig verbringen Mitarbeitende oft acht Stunden am Tag in ERP- und CRM-Systemen, die eher an Datenbankstrukturen als an Menschen ausgerichtet sind. Wer hier schlecht gestaltet, verliert Zeit, Geld und im Zweifel Kunden.

Till Wollong aus Stuttgart ist seit über 20 Jahren als UX- und Product-Designer für Enterprise-Software unterwegs und auf Accessibility spezialisiert. Im Interview erklärt er, was gutes Enterprise-UX ausmacht, warum Barrierefreiheit geschäftskritisch geworden ist, welche Fehler er in Unternehmen immer wieder sieht, an welchen Kennzahlen sich der Nutzen messen lässt und was ein Geschäftsführer am Montagmorgen als Erstes tun sollte.

Enterprise-UX und barrierefreie Software als Wirtschaftsfaktor

Till, was macht für Dich gutes UX-Design im Enterprise-Umfeld aus?

Für mich ist gutes Enterprise-UX vor allem Systemdesign. Es versteht die komplexen Fachprozesse der Nutzerinnen und Nutzer abseits des Bildschirms, bietet einen klaren Zugang zu Informationen, zeigt komplexe Funktionen erst, wenn sie gebraucht werden, und integriert sich nahtlos in den Arbeitsalltag.

Enterprise-Software ist ein Werkzeug. Niemand nutzt ein ERP- oder CRM-System aus Spaß an der Freude. Die Nutzerinnen und Nutzer verbringen oftmals acht Stunden am Tag mit diesen Systemen und wollen ihre Arbeit sicher, fehlerfrei, schnell und ohne Frust erledigen. Gutes Enterprise-UX ist unsichtbar, arbeitet im Hintergrund, schafft Orientierung und unterstützt die Menschen optimal bei ihren Aufgaben. Es fungiert als Brücke: Während die Software rein technischen Datenbankstrukturen folgt, muss sich die Oberfläche an der realen Denk- und Arbeitsweise der Menschen orientieren.

Es kommt mit verschiedenen Rollen, abteilungsübergreifenden Workflows, riesigen Datenmengen und geschäftlichen Abhängigkeiten klar. Es definiert, wie Informationen flüssig zwischen den Rollen fließen, wie ein und dieselbe Datenbasis unterschiedlichen Aufgaben dient und wie das System die Anwender aktiv bei Entscheidungen anleitet. Mit personalisierten Ansichten, Dashboards, Filter- und Suchoptionen und speziellen Tabellendarstellungen erledigen Nutzerinnen und Nutzer ihre Aufgaben ohne Reibung und Brüche.

Skalierbare Design-Systeme spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie gewährleisten konsistente Interaktionsmuster über verschiedene Module hinweg und erhöhen so die Erlernbarkeit der Software maßgeblich.

Warum ist Barrierefreiheit für Unternehmen heute kein Nice-to-have mehr, sondern zunehmend geschäftskritisch?

Barrierefreiheit hat den Status eines reinen Wohltätigkeitsprojekts längst hinter sich gelassen und ist zu einem harten Wirtschaftsfaktor geworden.

Neben den B2C-Richtlinien wie dem European Accessibility Act birgt vor allem das B2B-Umfeld enorme rechtliche und finanzielle Risiken. Wir sehen aktuell eine massive Verschärfung der Haftungsrisiken für Softwarehersteller. Mit der neuen EU-Produkthaftungsrichtlinie wird Software weitreichend als eigenständiges Produkt eingestuft.

Hinzu kommen hohe vertragliche Schadensersatzrisiken. Wenn ich als Hersteller nicht weiß, wer am Ende meine Software bedient, und wesentliche UX- oder Accessibility-Standards ignoriere, wird es gefährlich. Interpretiert etwa eine farbenblinde Person in einem Finanz-Dashboard wegen fehlender Kontraste Zahlen falsch und entsteht dadurch ein hoher finanzieller Schaden, kann der Softwarehersteller dafür haftbar gemacht werden.

Zum anderen ist barrierefreie Software ein massiver Hebel im Wettbewerb. Unternehmen erschließen sich damit enorme, oft übersehene Zielgruppen. Rund 80 Prozent aller Behinderungen entstehen erst im Laufe des Lebens durch Alter, Krankheit oder Unfälle. Ein barrierefreies Produkt erreicht schlicht einen deutlich größeren Markt. In umkämpften Märkten, in denen sich Features kaum noch unterscheiden, wird Zugänglichkeit zum entscheidenden Kaufargument. Wir hinken hier Ländern wie den USA und Kanada hinterher, wo Accessibility längst harte Marktwirtschaft und Voraussetzung für lukrative Aufträge ist.

Letztlich entscheidet es auch über das Recruiting. Eine alternde Belegschaft ist auf zugängliche Tools angewiesen, während junge Talente echte Inklusion einfordern. Wer das ignoriert, riskiert nicht nur Millionenklagen, sondern verliert Marktanteile und die besten Köpfe an die Konkurrenz.

Typische Fehler und wie komplexe Software einfacher wird

Was sind die häufigsten Fehler, die Du bei Firmen im Umgang mit UX-Design und Accessibility siehst?

Den meisten Unternehmen ist schlicht nicht bewusst, welche massiven finanziellen Schäden und Mehrkosten durch schlechte Bedienbarkeit und ignorierte Barrierefreiheit entstehen. Viele lagern Barrierefreiheit ans Projektende aus. Die Folgekosten für nachträgliche Anpassungen steigen dann exponentiell. Teilweise wird versucht, fertige Produkte mit automatisierten Accessibility-Plugins rechtssicher zu machen. Das reicht qualitativ und juristisch nicht aus.

Außerdem fehlt häufig ein tiefgreifendes Verständnis auf Managementebene. UX- und Accessibility-Teams bekommen dadurch nicht die nötigen Ressourcen und zeitlichen Spielräume.

Barrierefreiheit ist keine einmalige Sache. Es ist ein Prozess, der bei jedem neuen Produkt berücksichtigt werden muss. Meiner Meinung nach gehört es als Akzeptanzkriterium in jede User Story. Oft wird das Thema zwischen den Abteilungen hin- und hergeschoben, weil ein ganzheitliches Verständnis vom Projektmanagement bis zur Rechtsabteilung fehlt. Jeder hat seinen Zuständigkeitsbereich, und es müssen konzeptionelle, technische und rechtliche Dinge berücksichtigt werden.

Ein weiteres Problem ist das blinde Vertrauen in automatisierte Testwerkzeuge. Diese Tools erkennen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Barrieren. Schließlich binden viele Firmen Menschen mit Behinderungen nicht in den Testprozess ein, wodurch wertvolle Erkenntnisse aus der realen Nutzung verloren gehen.

In vielen mittelständischen Unternehmen treffen wir zudem auf eine geringe UX-Reife. Über die Jahre werden schnell neue Funktionen angebaut. Neben technischen Altlasten häufen sich so riesige Design-Schulden an, die Software wird inkonsistent und unübersichtlich. Wenn dann modernisiert wird, tauscht man oft nur die Technik aus, statt die Workflows anzupacken. Teams arbeiten in Silos, und UX wird fälschlicherweise auf das „Malen von bunten Bildchen“ reduziert, statt als strategischer Partner bei Architektur- und Feature-Entscheidungen am Tisch zu sitzen.

Wie schaffst Du es, komplexe Enterprise-Software für Nutzerinnen und Nutzer spürbar einfacher zu machen?

Bei bestehenden Anwendungen fokussiere ich mich auf schnelle Erfolge, ohne das Entwicklerteam durch starre UX-Prozesse zu blockieren. Ein Redesign bedeutet keineswegs, eine bewährte Software komplett einzureißen und bei null zu beginnen. Das System hat ja Substanz und wird aus gutem Grund genutzt. Es geht darum, die funktionierenden Stärken zu bewahren und gezielt dort anzusetzen, wo Reibung entsteht. Gerade in Enterprise-Systemen gibt es viele Power User, die sich eigene Workarounds und Hacks angeeignet haben. Diese Erfahrungswerte respektiere ich. Ich suche nach den stärksten Hebeln in den Bereichen, die am meisten genutzt werden. Die visuelle Darstellung zu beruhigen, Zeilenabstände zu optimieren, redundante Elemente zu entfernen und Daten in Tabellen sinnvoller anzuordnen, verbessert die User Experience oft sofort spürbar.

Um vielschichtige Systeme einfacher zu gestalten, setze ich vor allem auf das Prinzip der progressiven Offenlegung. Anwenderinnen und Anwender sehen zu jedem Zeitpunkt nur die Informationen und Funktionen, die sie für ihren aktuellen Arbeitsschritt zwingend benötigen. Durch konsequente Kontextualisierung entferne ich visuelles Rauschen und rücke die primären Handlungsstränge in den Fokus. Ich verbringe viel Zeit damit, die tatsächlichen Arbeitsabläufe in der Praxis zu beobachten, um die mentalen Modelle der Nutzerinnen und Nutzer zu verstehen. Auf dieser Basis strukturiere ich die Informationen neu und bündle komplexe Datenmengen in verdauliche, aufgabenbasierte Schnittstellen, die den Menschen durch den Prozess führen.

Für grundlegendere Optimierungen setze ich auf den engen Dialog mit der Entwicklung, um Lösungen mit maximalem Impact bei minimalem Aufwand zu finden. Wir gehen User-Flows gemeinsam durch und analysieren komplexe Strecken wie einen Bestellprozess auf Brüche. Das schult das ganze Team in einer nutzerzentrierten Denkweise und löst die Komplexität dort auf, wo es den Anwendern aktuell am meisten wehtut.

Perspektivwechsel und der Weg zur barrierefreien Umsetzung

Du machst in Deiner Arbeit oft Perspektivwechsel-Workshops erlebbar. Warum reicht Theorie allein nicht aus, um Barrierefreiheit zu verstehen?

Richtlinien wie die WCAG oder die BITV sind für die Standardisierung unerlässlich. Sie sind aber hochgradig technisch formuliert und erzeugen keinerlei Empathie. Wenn Teams nur abstrakte Checklisten abarbeiten, verkommt Barrierefreiheit schnell zur lästigen Pflichtaufgabe. Hinzu kommt, dass digitale Barrieren im Gegensatz zur physischen Welt unsichtbar sind. Sehen wir einen Menschen im Rollstuhl vor einer Treppe, ist das Hindernis für alle greifbar. Im Digitalen bekommen wir nicht mit, wenn jemand an einer Ticketbuchung scheitert, weil wir im Alltag Webseiten nicht massiv vergrößern oder ausschließlich mit der Tastatur navigieren.

In den Workshops spüren die Teilnehmenden die Frustration am eigenen Leib. Wenn Stakeholder durch spezielle Brillen erfahren, wie ein grauer oder grüner Star die Wahrnehmung eines Dashboards verändert, oder versuchen, ein komplexes Formular nur mit dem Screenreader auszufüllen, entsteht echtes Problembewusstsein. Dieses Erlebnis bringt mehr als jede Richtlinie, die man ihnen vorlegt.

Es gibt viele Krankheiten, die das Sehen unterschiedlich beeinträchtigen, einige davon treffen sehr viele Menschen im zunehmenden Alter. In den Workshops wird schnell klar, dass Barrierefreiheit weit über absolute Blindheit hinausgeht und ebenso neurodivergente Bedürfnisse, andere Augenkrankheiten und vieles mehr umfasst.

Wie sieht ein typischer Prozess bei Dir aus, von der ersten Analyse bis zur barrierefreien Umsetzung?

Bei bestehenden Systemen starte ich mit der Bestandsaufnahme. Im B2B-Bereich fehlen meist verlässliche Nutzungsstatistiken. Deshalb prüfe ich im ersten Schritt qualitativ vor Ort: Welche Funktionen werden tatsächlich gebraucht, und welche bleiben schlicht wegen schlechter Bedienbarkeit ungenutzt? Ich kombiniere Prüf-Software mit manuellen Durchläufen über assistierende Technologien wie Screenreader. Bei neuen Projekten kläre ich zuerst grundlegende Fragen zum Nutzungskontext und zu den konkreten Aufgaben, die das digitale Produkt lösen soll.

Die Ergebnisse fließen direkt in die ersten Entwürfe ein. Farbkontraste, logische Strukturen und die Bedienbarkeit per Tastatur werden berücksichtigt, bevor die erste Zeile Code geschrieben wird. In der Entwicklungsphase arbeite ich eng mit den Programmierteams zusammen und reichere die Designs mit präzisen Hinweisen und Kommentaren an. So wissen die Entwickler, worauf sie achten müssen, und der Code im Hintergrund wird sauber und zugänglich strukturiert. Den Abschluss bilden immer echte Praxistests. Ich verlasse mich nicht nur auf technische Prüfprogramme, sondern lasse das unfertige Produkt direkt von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen testen. Nur so finden und beheben wir reale Stolpersteine, bevor barrierefreie Software live geht.

Digitalisierung im Mittelstand und messbarer Nutzen von UX

Welche Rolle spielen Digitalisierung und Innovation aktuell in Deiner Arbeit mit Unternehmen im Mittelstand?

Eine existenzielle. Meine Endkundenprojekte umfassen meist die ganzheitliche Digitalisierung von veralteten, stark ressourcenbindenden Prozessen. Meine Aufgabe besteht oft darin, eine nutzerzentrierte Innovationskultur zu etablieren. Es geht nicht darum, Technologie um der Technologie willen einzuführen, sondern digitale Werkzeuge so zu gestalten, dass sie den Mitarbeitenden echte Mehrwerte bieten und nicht nur ein weiteres Tool im Stack sind.

Innovation bedeutet in diesem Kontext, bestehende Hürden abzubauen, mobile Arbeitsweisen zu ermöglichen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die neu geschaffenen digitalen Arbeitsplätze inklusiv und für die gesamte Belegschaft zugänglich sind.

Ein aktuelles Beispiel ist eine eigens entwickelte App für ein mittelständisches Elektrounternehmen. Wir haben ein rein digitales Bautagebuch geschaffen, das eine stundengenaue, projekt- und leistungsbezogene Erfassung direkt auf der Baustelle ermöglicht und Medienbrüche zum Büro schließt. Solche praxisnahen Innovationen bauen Zettelwirtschaft ab, sichern die Datenqualität und sind am Ende der entscheidende Hebel, um ein Handwerksunternehmen zukunftsfähig aufzustellen.

Innovation und Digitalisierung müssen sich am Ende auch wirtschaftlich rechnen. An welchen Kennzahlen machst Du fest, dass sich eine Investition in UX gelohnt hat?

Ich schaue dorthin, wo schlechte Software das Unternehmen täglich Geld kostet: Wo wird abgebrochen, an welcher Stelle gibt es Rückfragen, und wo entsteht Frust?

Der erste Indikator ist die Einarbeitungszeit. Braucht ein neues Teammitglied Wochen, um ein komplexes ERP-System zu durchdringen, oder ist die Software so logisch aufgebaut, dass die Person nach zwei Tagen voll produktiv ist?

Der zweite Punkt ist das interne Support-Aufkommen. Wenn sich die Tickets beim IT-Helpdesk halbieren, weil die Belegschaft nicht mehr an kryptischen Fehlermeldungen oder unklaren Formularen scheitert, ist das direkter Profit.

Drittens die Fehlerquote. Ein aufgeräumtes Interface verhindert teure Fehleingaben bei der Datenverarbeitung.

Für Unternehmen, die eigene Software oder digitale Services am Markt anbieten, kommt ein vierter, harter Hebel hinzu: der Vertriebserfolg. Eine intuitive Oberfläche entscheidet in der Live-Demo oft darüber, ob Interessenten Vertrauen fassen oder abspringen, und sie sichert die Vertragsverlängerung bei bestehenden Kunden.

Die Rechnung ist simpel: Zeitersparnis plus Fehlerreduktion plus höhere Kundenbindung ergeben einen messbaren Return on Investment.

KI in der Softwaregestaltung und der erste Schritt am Montagmorgen

Künstliche Intelligenz ist aktuell der große Innovationstreiber. Welche Rolle spielt KI im Bereich Enterprise-UX und Barrierefreiheit?

KI hat in unserer Disziplin zwei sehr unterschiedliche Gesichter. Auf der Produktionsseite ist sie ein massiver Beschleuniger. Ich nutze KI-Tools, um Research-Daten auszuwerten, Prototypen zu erstellen, Code-Strukturen zügiger aufzubauen, fehlende Beschriftungen für Screenreader vorzugenerieren oder automatisierte Kontrastprüfungen durchzuführen. Das spart in der Entwicklung enorm viel Zeit und schont das Budget.

Auf der Anwenderseite müssen wir allerdings extrem aufpassen. Aktuell neigen viele Unternehmen dazu, hektisch einen generischen KI-Chatbot über ihre bestehende Software zu stülpen, um auf den Trend aufzuspringen. Doch ein unüberlegtes Chatfenster löst keine gewachsenen Usability-Probleme, es erhöht oft nur die kognitive Belastung der Mitarbeitenden. Echte Innovation entsteht erst, wenn KI unsichtbar und assistierend direkt in die Arbeitsschritte integriert wird. Zudem ist KI kein blinder Autopilot für Barrierefreiheit. Ein Tool kann zwar einen Alt-Text für eine Grafik generieren, aber ob diese Bildbeschreibung im Nutzungskontext fachlich Sinn ergibt, muss zwingend ein menschlicher Experte beurteilen.

Angenommen, ein Geschäftsführer aus dem Mittelstand liest dieses Interview und möchte seine eigene Software ab sofort nutzerzentrierter aufstellen. Was ist der allererste Schritt am Montagmorgen?

Starten Sie nicht mit einem riesigen Strategie-Meeting oder direkt mit der Beauftragung eines neuen Tools. Gehen Sie stattdessen in die Abteilungen, setzen Sie sich neben Ihre Mitarbeitenden und schauen Sie einfach nur zu, wie diese mit der aktuellen Software arbeiten.

Achten Sie darauf, wo Frust entsteht. Wo kleben Post-its am Monitor, um sich Klickpfade zu merken? Wo werden Daten manuell nach Excel exportiert, weil das eigentliche System den Arbeitsschritt nicht hergibt? Dieser ungeschönte Blick in den realen Arbeitsalltag offenbart sofort den größten Schmerz. Er liefert Ihnen direkt den klarsten Business Case dafür, an welcher Stelle eine gezielte UX-Optimierung den Mitarbeitenden die Arbeit erleichtert und dem Unternehmen am meisten Geld einspart.

Die Zukunft von UX und Accessibility in deutschen Unternehmen

Was wünschst Du Dir für die Zukunft von UX und Accessibility in deutschen Unternehmen?

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, UX und Barrierefreiheit als Buzzwords zu behandeln, und anfangen, sie in Ressourcenplanung, Budgets und Team-Staffing zu integrieren. Accessibility ist eine Illusion, wenn sie keine finanziellen und personellen Ressourcen bekommt.

Zudem muss sich das Mindset ändern. UX darf nicht als „Produkt-Polizei“ verstanden werden, die nach Fehlern sucht oder ein bestehendes System infrage stellt. UX ist ein Ermöglicher. Es geht darum, gemeinsam Entwicklungs-Silos aufzubrechen und dem Endanwender einen reibungslosen Prozess zu liefern, bei dem selbst in der komplexesten B2B-Enterprise-Software die Bedienbarkeit und der Spaß im Umgang mit der Software im Vordergrund stehen.

Ich wünsche mir, dass UX und Accessibility endgültig als Einheit verstanden und als fester Standard tief in der Produktentwicklung verankert werden. Die künstliche Trennung der beiden Disziplinen ist veraltet. Dafür braucht es einen echten strategischen Wandel: UX- und Accessibility-Expertinnen und -Experten müssen am Tisch sitzen, wenn Entscheidungen getroffen werden. Es muss das Verständnis wachsen, dass gute UX Unternehmensziele nicht ausbremst, sondern maßgeblich vorantreibt.

Barrierefreiheit sollte nicht länger als regulatorisches Risiko gelten, sondern als integraler Qualitätsstandard und schlagkräftiger Business Value für digitale Exzellenz. Dafür muss Inclusive Design fester Bestandteil der Ausbildung von Design- und Tech-Teams werden. Nur so überwinden wir den Mythos, Barrierefreiheit stünde im Widerspruch zu ästhetischem Design.

Damit das in der Praxis gelingt, müssen unsere Teams selbst inklusiver werden. Ich wünsche mir, dass Menschen mit Behinderungen von Beginn an aktiv im Entwicklungs- und Designprozess mitwirken, statt sich beim Testing auf das bloße Abhaken von WCAG-Checklisten zu verlassen. Wenn diese Perspektiven vom ersten Tag an am Tisch sitzen, entstehen robustere, innovativere und vor allem menschlichere Software-Lösungen.

Darüber hinaus wünsche ich mir den Mut, uns aus der Abhängigkeit amerikanischer Design-Frameworks zu lösen und starke eigene Standards zu etablieren. Ein tolles Beispiel ist das KERN-UX-Designsystem für die öffentliche Verwaltung. Wenn wir dafür konsequent Geld in die Hand nehmen und europäische Qualitätsstandards setzen, können wir schlechte, unzugängliche Interfaces endgültig aus unserem Arbeitsalltag verbannen.

Barrierefreie Software beginnt mit Beobachtung, nicht mit Technik

Das Gespräch mit Till Wollong zeigt, dass barrierefreie Software und gute Enterprise-UX zwei Seiten derselben Medaille sind. Beide entscheiden darüber, ob Mitarbeitende ihre Arbeit sicher und ohne Frust erledigen, und beide lassen sich in Euro messen: über kürzere Einarbeitung, weniger Support-Tickets, weniger Fehleingaben und bessere Chancen im Vertrieb. Mit der EU-Produkthaftungsrichtlinie und dem European Accessibility Act kommt ein rechtlicher Druck hinzu, den viele Mittelständler noch unterschätzen.

Für Unternehmen heißt das vor allem: Barrierefreiheit gehört an den Anfang eines Projekts und nicht ans Ende. Wer sie als Akzeptanzkriterium in jede User Story schreibt, echte Nutzerinnen und Nutzer testen lässt und sich nicht allein auf Plugins oder automatisierte Prüfwerkzeuge verlässt, spart teure Nacharbeit. Das gilt besonders bei großen Umstellungen wie einer ERP-Einführung oder bei Innovationsprojekten nach dem Muster von Design Thinking, bei denen der Mensch ohnehin im Mittelpunkt stehen soll. Der einfachste Einstieg ist dabei kostenlos: sich neben die eigenen Leute setzen und zuschauen.

FAQ zu barrierefreier Software

Was ist barrierefreie Software?

Barrierefreie Software lässt sich von allen Menschen bedienen, auch von Menschen mit Seh-, Hör- oder motorischen Einschränkungen oder neurodivergenten Bedürfnissen. Dazu gehören ausreichende Farbkontraste, logische Strukturen, Bedienbarkeit per Tastatur und saubere Unterstützung von Screenreadern.

Warum ist Barrierefreiheit auch für B2B-Software relevant?

Weil Software nach der neuen EU-Produkthaftungsrichtlinie weitreichend als Produkt gilt und Hersteller bei Schäden durch fehlende Barrierefreiheit haften können. Dazu kommen vertragliche Risiken, ein größerer Markt und die Anforderungen einer alternden Belegschaft.

Reichen automatisierte Accessibility-Plugins aus?

Nein. Automatisierte Prüfwerkzeuge erkennen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Barrieren, und Plugins machen ein fertiges Produkt weder qualitativ noch juristisch sicher. Nötig sind manuelle Prüfungen mit assistierenden Technologien und Tests mit Menschen mit Behinderungen.

Wann sollte Barrierefreiheit im Projekt berücksichtigt werden?

Von Anfang an. Kontraste, Strukturen und Tastaturbedienung gehören in die ersten Entwürfe, bevor Code entsteht. Nachträgliche Anpassungen am Projektende verteuern sich exponentiell.

Woran lässt sich der Nutzen von UX-Investitionen messen?

An der Einarbeitungszeit neuer Mitarbeitender, am internen Support-Aufkommen, an der Fehlerquote bei der Dateneingabe und bei Softwareanbietern zusätzlich am Vertriebserfolg und an Vertragsverlängerungen.

Kann KI die Barrierefreiheit automatisch herstellen?

Nur teilweise. KI beschleunigt Research, Prototyping, Kontrastprüfungen und das Vorgenerieren von Beschriftungen. Ob etwa ein generierter Alt-Text im Nutzungskontext fachlich stimmt, muss aber ein Mensch beurteilen.

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